Das Reden von der Krise

Seit  Monaten – genauer seit Juni 2008 – geht das Wort von der Krise durch alle Munde. Tagtäglich erreichen uns Horrorszenarien sterbender Wirtschaftszweige, untergehender Unternehmen und immer wieder der drohende Hinweis auf die sich nun bald verstärkende Massenarbeitslosigkeit die uns ‚Bundesdeutschen‘ dann in die endgültige Verelendung schicken wird.  Was aber ist wahr, und was ist wirklich dran an diesem Krisengerede? Betrachten wir uns doch einmal, und zwar mit volks- und betriebswirtschaftlicher Fachkunde, die nackten Zahlen. In den Medien finden wir oftmals Zusammenhänge, die es in diesem Umfang in der Realität so gar nicht gibt. Nehmen wir beispielsweise den Zusammenhang zwischen „Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit“ unter die Lupe, lässt sich in der langfristigen Sichtweise (über mehrere Jahrzehnte) aufzeigen, dass der allgemein vermutete Zusammenhang „wenn die Wirtschaft wächst, geht die Arbeitslosigkeit zurück“ überhaupt nicht stimmt. Denn von 1974 (Beginn der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland) bis 2008 stieg das Bruttosozialprodukt in Deutschland von 889 Milliarden 852 Millionen 390 Tausend auf Eine Billion 699 Milliarden 66 Millionen und 816 Tausend EUR (Betrag 1974 bereits in EUR umgerechnet!). Im gleichen Zeitraum stieg aber auch die Arbeitslosigkeit  –  von zunächst Eine Million 74 Tausend in 1974 auf 2 Millionen 258 Tausend in 1983 bis in die Spitze von 4,8 Millionen im Jahr 2005, um seither mehr oder weniger kontinuierlich zu fallen. Im Jahr 2008 betrug die Anzahl der Arbeitslosen 3 Millionen 268 Tausend (Monatsbericht Deutsche Bundesbank / BKK Juni 2009). Gleichzeitig stieg aber die Zahl der Erwerbstätigen von 35,7 Millionen im Jahr 1997 (BBK Januar 2000) auf den höchsten Stand der Nachkriegsgeschichte von 40,3 Millionen Beschäftigten im Jahr 2008 (BKK Juni 2009).
Warum nun das exakte Gegenteil dieser „vermeintlichen Sachverhalte“ auch noch heute, im Jahr 2009, so hoch gehalten wird, findet seinen geistigen Vater in den Überlegungen des englischen Nationalökonomen John Maynard Keynes. Dieser hatte in den 1930er Jahren einen Ausweg aus der Massenarbeitslosigkeit beschrieben, von der damals jeder zweite Haushalt in Deutschland betroffen war. Damit soll unsere heutige Situation keinesfalls beschönigt werden; aber das Wort „Krise“ ist eben etwas weit hergeholt und wohl in erster Linie dem Zeitgeist geschuldet. Schließlich müssen Nationalökonomen spätestens seit Ende der 1970er Jahre wissen, dass Konjunkturprogramme prinzipiell nicht helfen, die strukturell vorhandene Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Warum sich dieses große Geheimnis ausgerechnet im Land der Dichter und Denker einfach nicht herumspricht – daran haben Medienzuträger wie Medienmacher einen erheblichen Anteil.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Negativität dieses Krisengerede ist die sich daraus abzuleitende Zukunftserwartung der Bundesbürger. Gemeint ist damit der fehlende „Glaube an die Zukunft“. Ein Manko, das schon von unserem verstorbenen Bundespräsident Johannes Rau am 12. Mai 2004 in seiner letzten „Berliner Rede“ angesprochen wurde: „Wo Vertrauen fehlt, regiert Unsicherheit, ja Angst. Angst vor der Zukunft ist der sicherste Weg, sie nicht zu gewinnen. Angst lähmt die Handlungsfähigkeit und trübt den Blick für das, was in Staat und Gesellschaft tatsächlich grundlegend verändert werden muss, was neuen Bedingungen angepasst werden soll und was auf jeden Fall bleiben muss.“ Dem wäre nichts hinzuzufügen, doch leider erleben wir täglich das Gegenteil. Mit dem „Gerede über die Krise“ wird Angst erzeugt – und verstärkt. Man sollte immer, wenn jemand das „Wort von der Krise“ in den Mund nimmt, darauf achten, was der Absender der Nachricht erreichen will. Soll ich ihm meine Aufmerksamkeit widmen? Steht vielleicht bald eine Wahl an, bei der Sie oder Er meine Stimme begehrt? Oder hat Er / Sie von den Zusammenhängen keine fundierte Ahnung und redet nur, was gerade Mainstream ist. Gerade als Unternehmer, Selbstständiger, mündiger Bürger sollte man sich von derart wohlfeilen Reden nicht beeinflussen lassen. Merke: Das „Gerede von der Krise“ hilft in erster Linie dem Absender – und nicht dem Empfänger.

Ein allgemein wenig beachteter „Krisenaspekt“ führt uns zum Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese überragende Wirtschaftsleistung der alten Bundesrepublik gelang in den ersten 25 Jahren nach 1949 nahezu ausnahmslos ohne die Aufnahme bemerkenswerter Staatsschulden. Man muss sich diese Herkulesaufgabe einmal vorstellen – als alle Landräte, Bürgermeister, Oberbürgermeister und die politisch Handelnden beispielsweise den massiven Verlust der Infrastruktur zu beklagen hatten. Schon gut ein Vierteljahrhundert später waren die wesentlichsten Aufgaben gelöst. Und eben ohne strukturelle Verschuldung. Zwar gab es von 1949 bis 1974 auch Kreditfinanzierungen bei öffentlichen Haushalten. Die waren jedoch nur sporadisch. So finden sich bei Bund und Ländern Jahre, in denen die Haushalte ausgeglichen waren; ja, es wurden sogar Haushaltsüberschüsse  erzielt.

Und dann plötzlich 1974! Wir verzeichnen den Beginn der strukturellen Staatsverschuldung, die noch heute andauert und deren Folgen und Konsequenzen kein Mensch versteht oder auch nur überschaut. So dauerte es von der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bis zur ersten Billion Staatsschulden immerhin lange 45 Jahre. Die zweite Billion hätte sich aufgrund der gegebenen Verhältnisse und den Berechnungen des Autors eigentlich schon 13 Jahre später, also 2009, angesammelt haben müssen. Leider  (das ist jetzt sehr ironisch gemeint!) habe ich mich aber verschätzt oder verrechnet. Vor kurzem nämlich wurde Deutschlands (damaliger) oberster Finanzhüter im Internet mit der Aussage zitiert, dass die gesamte Staatsverschuldung bis zum Jahr 2012 die Grenze von Zwei Billionen EUR (Zweitausend Milliarden EUR) erreicht haben wird. Das heißt, unter der Annahme einer langfristigen Betrachtungsweise, dass meine Berechnungen zur Entwicklung der Staatsverschuldung dennoch stimmen. Eine Differenz von drei Jahren ist nämlich angesichts der maßgeblichen langfristigen Sichtweise – mehrere Jahrzehnte – unbedenklich.  Die nächste, respektive die dritte Billion, wäre infolge dessen in nur sechs bis acht Jahren erreicht, also um das Jahr 2020. Und so weiter und so weiter, und endlich sind wir in der (wirklichen!) Krise angekommen. Darauf nämlich steuert unsere Gesellschaft sehenden Auges zu, will sagen, das, was wir in den letzten Monaten erlebt haben, war nur ein erfrischendes Sommergewitter.

Die Crux, das heißt, das sich rumorend aufbauende Erdbeben, hängt nämlich mit dem Sparverhalten der Deutschen zusammen. Jahr um Jahr häufen sich auf deren Konten beträchtliche Milliarden EUR. Wie uns aber eine Analyse der  Entwicklung des Geldvermögens verrät, tickt da gerade eine gewaltige Zeitbombe. So ist das Geldvermögen aller ca. 38 Millionen privater Haushalte in Deutschland von 3 Billionen 539 Milliarden im Jahr 1999 auf 4 Billionen 529 Milliarden im Jahr 2006 gestiegen (BBk Juni 2007, S. 26). Geht man bei der Analyse noch weiter zurück – zum Beispiel in das der Wiedervereinigung folgende Jahr 1991, dann hat sich das damalige Geldvermögen von 2 Billionen 39 Milliarden EUR gegenüber heute sogar MEHR als verdoppelt (BBk Juni 2005, S. 28). Erwiesenermaßen investieren etliche private Haushalte auch in die öffentlichen Papiere von Bund und Ländern (Staatsanleihen). Was geschieht eigentlich mit solchen Papieren, wenn durch eine denkbare Währungsreform die Staatsschulden auf NULL gesetzt werden? Wenigstens darf man Wehmut prophezeien, und man wird sich jener Zeiten erinnern, als man in Deutschland noch von einer Krise sprach.

gez. Helmut H.G. Meister

Dezember 2009

HINWEIS: Das im viademica.verlag berlin erschienene Buch „Ameisen an die Macht“ beschreibt die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge unter der Maßgabe langfristiger Entwicklungen ausführlich. Das ausgegliederte Kapitel zum Thema Staatsverschuldung ist  aber für Jedermann im Internet zugänglich.

Das Buch zum Text |||  Helmut H.G. Meister: „Ameisen an die Macht“. Volkswirtschaftliche Daten einmal anders betrachtet. Oder „Steuern wir mit Volldampf in die Katastrophe?!?“. Softcover. 240 S. im Zweifarbdruck. Mit zwei Abbildungen und 53 Grafiken. Erschienen im viademica.verlag berlin. Berlin 2008. ISBN 978-3-937494-42-5. Preis: 24,00 EUR. Im Internet unter www.viademica.de und www.ameisen-an-die-macht.de

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