Die größten volkswirtschaftlichen Irrtümer der Deutschen

Wie wir ‘Glauben zu Wissen’ was wir NICHT wissen

 

Inhalte:

 

  1. Ist „Wirtschaft ist gleich Wirtschaft“?
    Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre sind ziemlich gleich
  2. Wenn die Wirtschaft sinkt, droht Arbeitslosigkeit
  3. Wenn die Zentralbank die Zinsen senkt, belebt das die Investitionen und Arbeitslosigkeit sinkt
  4. Wenn Arbeitslosigkeit droht, kann/muss der Staat Kredit aufnehmen um diese zu bekämpfen
  5. Die öffentlichen Kassen sind leer
  6. Die Eigenkapitalquote deutscher Unternehmen ist zu niedrig – vor allem beim Mittelstand
  7. Eine neue Steuerreform 2016/2017 ist angesichts der hohen Staatsverschuldung nicht möglich
  8. Wenn Arbeitslosigkeit steigt, belastet das die Sozialkassen
  9. Bei hoher Arbeitslosigkeit geht das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte zurück
  10. Die Wirtschaft braucht Förderprogramme, damit neue Arbeitsplätze geschaffen werden
  11. Die Schere zwischen ‚Arm‘ und ‚Reich‘ wird in Deutschland immer größer
  12. Bei steigender Inflationsrate sinkt die Kaufkraft der Arbeitnehmer, Rentner und Pensionäre und der Bezieher von Siozialleistungen
  13. Der Staat ist verantwortlich für eine funktionierende Wirtschaft
  14. Geiz ist geil
  15. Unternehmen müssen ihre Kosten reduzieren, wenn Sie erfolgreich am Markt Bestehen wollen
  16. Was hat die Wasserversorgung des Wüstenstaates Oman mit der deutschen Staatsverschuldung gemeinsam?
  17. Im Berliner Wahlkampf 2011 verkündete der (damals) Regierende Oberbürgermeister, dass die Politik in Berlin 17.000 neue Arbeitsplätze geschaffen hat
  18. Die gute Konjunkturlage 2015/2016/2017 kommt bei den AN nicht im Geldbeutel an
  19. Die Reform des Arbeitsmarktes 2005 – als HARTZ IV Reform bekannt – trägt seitdem wesentlich zum Rückgang der Arbeitslosigkeit bei
  20. Während der Wirtschaftskrise 2009 hat die Kurzarbeiterregelung einen Dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindert
  21. Die Krise des Euro kann nur durch staatliche Rettungsschirme aufgefangen werden
  22. Im Zuge der Wirtschaftskrise 2008/2009 war die Einführung einer  Abwrackprämie ein erfolgreiches Instrument
  23. Die Steuer- und Abgabenquote ist – nach offiziellen Angaben – seit Jahren und Jahrzehnten konstant.
  24. Die meisten Lebensängste vieler Deutscher vor der Zukunft sind irrational und ökonomisch nicht haltbar.
  25. Was haben die  täglichen Wettermeldungen mit der Kommunikation über ökonomische Zusammenhänge gemeinsam

 

Einleitung

Kaum ein Bereich unseres Lebens unterliegt so vielen Missdeutungen und Irrtümern wie der Begriff „Wirtschaft“. Während wir schon die Irrtümer ‚der Allgemeinheit‘ und ‚des Rechts‘ und ‚der Finanzen‘ kennengelernt haben, kommt mit diesem Buch ein Bereich unseres Lebens hinzu, der maßgeblich unsere Lebensqualität beeinflusst. Wir fühlen uns deprimiert, wenn wir hören/lesen, dass die Wirtschafsleistung im kommenden Jahr geringer werden wird als in diesem Jahr (obwohl wir häufig gar nicht wissen, WAS damit eigentlich gemeint ist). Gleichzeitig freuen uns wenn wir hören/lesen, dass die Staatsverschuldung im kommenden Jahr nur noch um 20 Mrd. € steigt statt ursprünglich erwartet um 25 Mrd. €. Dabei nehmen wir nicht wahr, dass auch 20 Mrd. ein Anstieg von Schulden sind. Oder wir fühlen uns betrogen, wenn wir hören/lesen, dass die Reallöhne im letzten Jahrzehnt gesunken sind ohne zu wissen, dass wir uns nach der Kaufkraftparitätentheorie immer mehr leisten können zu immer geringeren (relativen) Preisen.

Das Buch räumt mit solchen fundamentalen Irrtümern auf und trägt gleichzeitig dazu bei, die bei uns Deutschen weit verbreiteten Zukunftsängste abzubauen. Denn diese sind häufig so irrational das man sich schon wundern muss, dass wir im 21. Jahrhundert leben und nicht im Mittelalter, als der Glaube an Hexen und Teufel noch salonfähig war.

Im August 2013 veröffentlichte die Bank ING-DiBa eine von ihr in Auftrag gegebene Studie zur Finanzbildung der bundesdeutschen Bürger. Das Ergebnis war mehr als vernichtend. Danach gaben 53 % der Befragten[1] (erwachsenen) Bundesbürger an, dass sie finanzielle Analphabeten sind denen weder der Zinseszinseffekt etwas sagt noch die Gebührenaufschläge beim Fondsparen noch die Mini-Renditen der öffentlichen Sparförderung. In absoluten Zahlen entspricht das rd. 35 Millionen Bundesbürger.

Auch die renommierte ‚Frankfurter Allgemeine Zeitung‘ griff dieses Thema im Februar 2014 auf und deckte noch eine weitere hochbrisante Tatsache bundesdeutscher Ahnungslosigkeit im Umgang mit Geld auf. Danach gaben 89 % der Befragten[2] zu Rentenfonds an, dass sie solche natürlich kennen. Bei der Nachfrage um was es sich denn bei einem ‚Rentenfonds‘ handelt gaben wiederum mehr als die Hälfte der Befragten an, diese dienen der Absicherung der gesetzlichen Rente. Fundamental ‚dümmer‘ geht es kaum noch.

Und genau solche und ähnliche Erfahrungen habe ich in den über 20 Jahren Dozenten-lehrtätigkeit ebenfalls erfahren. Nur: das sind immer angehende Fach- und Führungskräfte die sich freiwillig und mit viel eigenem Geld dieser Zusatzausbildung unterwerfen. Diese Damen und Herren haben alle einen guten Schulabschluss und eine erste, erfolgreiche berufliche Ausbildung hinter sich. Und trotzdem sind und waren da immer riesige, fundamentale Missverständnisse und Einstellungen zu erkennen wenn man die Eingangsfrage stellte: „Wie geht es eigentlich der Wirtschaft, dem Arbeitnehmer oder den kommunalen Haushalten in Deutschland?“

In der Vorgehensweise dieses Buches bin ich mir jetzt selbst einmal untreu. Normalerweise meide ich diese kurzfristigen, tagesaktuellen Nachrichtenmeldungen, die so ad hock jeden Tag über uns hereinbrechen und uns das Gefühl vermitteln: „Jetzt muss etwas getan werden. Und am besten ist es, wenn eine (sozialistisch aufgewachsene)  Kanzlerin, ein Ministerpräsident  aus einem Freistaat oder eine Arbeits-Ministerin, die zwar Arbeitslosigkeit verwalten kann, aber mit dem Rückgang nichts zu tun hat, diese Angelegenheiten gleich in die Hand zu nehmen und sie für uns lösen.“

Trotzdem übernehme ich zunächst die einzelwirtschaftlichen, tagesaktuellen Probleme und gehe darauf ein. Aber nur um sukzessiv auf die übergeordnete Sichtweise einzugehen in der Vergangenheit und Zukunft stärker das zeigen, was momentan die Gegenwart ist. Das tragische an diesen Tagesmeldungen ist die Tatsache, dass man Tag für Tag den Ereignissen hinterher läuft und sich dabei in Details verliert ohne das große Ganze zu sehen. Das führt zu einem hektischen Hin und Her, einem überbordenden Aktionismus bei dem mehr zerschlagen als gerettet wird. Beispiele dazu gibt es unzählige und sie tauchen immer wieder in diesem Buch auf. Denken wir nur an das Auf und Ab der sogenannten EURO-Krise. Oder an die immer wieder über uns hereinbrechenden Steuerreformen, Gesundheitsreformen, Konjunktur-programme u.v.m; sie sind nur Ausdruck von hilflosem Aktionismus der Beteiligten – die dafür aber fürstliche monatliche Entlohnungen erhalten, von denen Leiharbeiter, HARTZ-IV Empfänger oder Geringverdienender nur träumen können. Und trotzdem haben diese Mitarbeiter ein mediales Interesse in der Öffentlichkeit, das genau diametral entgegengesetzt zu seinem/Ihren Wirken für die Allgemeinheit ist.

In dem epochalen Werk „Die fünfte Disziplin“ von Peter M. Senge (ein Schüler von Dennis Meadows  der 1972 die heute noch weltweit beachtete Studie an den Club of Rome zur „Lage der Menschheit“ veröffentlichte ) wird das wie folgt zitiert:[3]

Von frühester Kindheit an lernen wir, Probleme in ihre Einzelteile zu zerlegen und die Welt zu fragmentieren. Dadurch werden komplexe Aufgaben und Themen scheinbar handhabbarer, aber wir zahlen einen versteckten, ungeheuer hohen Preis dafür. Wir sind nicht mehr in der Lage, die Konsequenzen unseres Handels zu   erkennen; wir verlieren die innere Verbindung zu einem umfassenden Ganzen. Wenn wir dann versuchen, „das größere Bild“ zu sehen, bemühen wir uns, die Bruchstücke in unserem Kopf wieder zusammenzusetzen, alle Teile zu erfassen und zu ordnen. Aber das ist, wie der Physiker David Bohm es ausdrückt, vergebliche Liebesmüh, es ist so ähnlich, als würde man die Scherben eines zerbrochenen Spiegels wieder zusammenkleben und auf ein unverfälschtes Abbild hoffen. Und so geben wir dann irgendwann auf und versuchen nicht länger, das Gesamtbild zu erkennen.“

Dieser „Bruch mit dem Ganzen“, das sich weigern „übergeordnete Zusammenhänge“ zu sehen und zu erkennen ist m. M. nach ein Großteil der allgemein weit verbreitenden Furcht vor der Zukunft, dem Ausmalen von Katastrophen und damit einhergehend einer Radikalisierung der Gesellschaft (die sich in entsprechenden Wahlergebnissen und ‚Bürgerbündnissen‘ wieder findet). Letztlich haben aber die etablierten Bürgerschichten auch dazu beigetragen, eine Welt

zu zeigen in der „eisern gespart werden muss“, einzelne Teile des öffentlichen Dienstes „tot gespart werden“ und die kommunalen Kassen immer wieder mit neuen Sozialaufgaben belastetet werden, die „ihre finanziellen Möglichkeiten“ übersteigen. Ob das jetzt eine Verwaltungsangestellte im unteren Dienst, ein Polizeiinspektor im gehobenen Dienst, ein Kreistagsabgeordneter oder eine Landtagsabgeordnete ist bis hin zu Ministerialdirigenten, Staatssekretärin und sogar Bundesminister oder noch mehr. Immer und überall wird den Menschen verkündet, „dass es nicht reicht für eine HARTZ IV Erhöhung“ wir „marode Brücken und Straßen“ haben und „wir in Zukunft mit zunehmender Altersarmut rechnen müssen“, während zugleich die „Schere zwischen arm und reich“ immer größer wird.

Wenn jetzt draußen in der Welt mehrere Ereignisse – über Jahre hinweg – zusammentreffen:[4]) Die Ermordung des iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh im Jahr 1953 (durch westliche Geheimdienste), den Irakkrieg von 2003 (durch westliche Verbündete) sowie die (westliche) Politik in Syrien während des arabischen Frühlings und das noch zusammen kommt  mit einem dramatischen Anstieg der Weltbevölkerung. Letzteres fast ausschließlich und vor allem in afrikanischen und asiatischen Staaten, dann sehen die ‚kurzfristigen Betrachter und Betrachterinnen‘ nur diese Tagesereignisse.

Auf einmal strömen zehntausende Menschen monatlich in unser wohlhabendes und sicheres Europa. Dass sich die Weltbevölkerung aber z.B. seit 1950 von 2,5 Mrd. Menschen auf aktuell 2015 mehr als sieben Mrd. dreihundertfünfzig[5]) Millionen Menschen nahezu verdreifacht hat, solche ablaufenden Ereignisse werden weder wahrgenommen noch irgendwie im Alltags-Bewusstsein registriert. (Das gilt nicht nur für die soziologischen Schichten in unserer Gesellschaft, die nachmittags die Programme der privaten Sender konsumieren. Das gilt auch für ganze deutsche Landstriche einschließlich dem einen oder anderen Präsidenten davon.) Alle zwölf Jahre wächst die Weltbevölkerung um eine Milliarde Menschen weiter an und das entspricht im Jahr 2010 einem Kontinent der ‚Größe von Afrika‘[6])

Ist es ein Zufall, dass Europa seit einigen Jahren mit Wanderbewegungen

von diesem Kontinent zu tun hat?

Wohl doch eher NICHT

Aber in unserer ‚Kurzfristigkeit‘ und auf ‚Tagesereignisse‘ konzentriert, nimmt der durch-schnittlich gebildete Mitteleuropäer diese Ereignisse nicht wahr.

An einem ‚normalen‘ Fernsehabendtag sehen zwischen 4,73 Mio. und 6,29 Mio. Zuschauer ein ‚heute-journal‘ oder die Tagesschau um 20:00 h. An Rekordtagen – wie am 12. Juni 2016 beim Fußballspiel zwischen Deutschland und der Ukraine – wurden sogar 24,48 Millionen Zuschauer[7]) registriert. Das entspricht schon mehr als die Hälfte der bundesdeutschen Haushalte. Wenn man bedenkt, dass die Reichweite der dort verbreiteten Nachrichten noch einmal ca. zwei weitere Personen erfasst, dann lässt sich erahnen, wieviel Millionen Menschen in Deutschland ihr Wissen über wirtschaftliche und ökonomische  Zusammenhänge aus solchen ‚Tagesereignissen‘ beziehen.

In der nüchternen, aber emotionslosen Sprache der Wissenschaftler, wird dieser Sachverhalt (auch Mangel an Bildung und Wissen) wie folgt beschrieben:[8])

Die Konzentration auf Ereignisse beherrscht die Gespräche in Organisationen (und Gesellschaften Anm. d. Autors): die  Verkaufszahlen des letzten Monats, die neuen Budgetkürzungen, die Einnahmen des   letzten Quartals, wer gerade befördert oder gefeuert wurde, das neue Produkt, das die Konkurrenz auf den Markt bringen will, die Verzögerung bei unserem eigenen neuen Produkt usw. Die Medien verstärken die Betonung von kurzfristigen Ereignissen – schließlich ist nichts so alt wie die Nachricht von gestern. Die   Konzentration auf Ereignisse führt zu „Ereigniserklärungen“: ‚der Dow Jones fiel heute um 16 Punkte‘ verkündet die Zeitung ‚weil gestern niedrigere Gewinne für das vierte Quartal prognostiziert wurden‘. Solche Erklärungen mögen in sich wahr sein, aber sie lenken unsere Aufmerksamkeit von den langfristigen Veränderungsmustern ab, die hinter den Ereignissen stehen, und sie verhindern, dass wir die Ursachen dieser Muster begreifen.[9])

Unsere Fixierung auf Ereignisse ist im Grunde ein Teil unserer evolutionsbedingten Programmierung. Wenn man einen Höhlenmenschen aufs Überleben programmieren will, ist die Fähigkeit, über den Kosmos nachzugrübeln, kein besonderer Programmteil. Wirklich wichtig ist, dass er den Säbelzahntiger über seiner linken Schulter erkennt und schnell reagiert. Die Ironie liegt darin, dass heute die primären Überlebensstrategien – für Organisationen ebenso wie für Gesellschaften – nicht von plötzlichen Ereignissen ausgehen, sondern von langsamen, schleichenden Prozessen.“

 


[1] Quelle: Pressemitteilung ING-DiBa vom 16. Aug. 2013. Internetzugriff vom 06. Juni 2016

[2] FAZ-Original vom 26. Februar 2014

[3] Peter M. Senge „Die fünfte Disziplin“ J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart 1996; Seite 11

[4] Michael Lüders, „Wer den Wind sät“. C.H.Beck Verlag, München 2015

[5] Internet-Zugriff vom 14. Juni 2016 statistica.com

[6] Gerd Ganteför „Klima Der Weltuntergang findet nicht statt“; Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2010

[7] Quelle: Märkische Oderzeitung vom 6. und 13. Juni 2016

[8] Peter M. Senge „Die fünfte Disziplin“ a.a.O.  Seite 33

[9] Vergl. dazu auch: „Die Mäuse-Strategie für Manager“ von Spencer Johnson; Hugendubel Verlag, München, 2000 . Er beschreibt in einer wunderbaren Metapher die Veränderungen in einem Labyrinth, in dem vier kleine Wesen (zwei Zwergmenschen und zwei Mäuse) immer auf der Suche „nach Ihrem Käse“ sind (steht symbolhaft für das, was wir uns alles im Leben wünschen: Arbeit, Beziehung, Geld, ein großes Haus, Anerkennung und Sicherheit (- vor allem vor FREMDEN).

 

Kapitel 1

 

„Wirtschaft ist gleich Wirtschaft“?

Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre sind ziemlich gleich

 

Aussage:         Wirtschaft ist gleich Wirtschaft. Egal ob es sich dabei um ein mittelständiges Unternehmen, eine kleine Volkswirtschaft oder um eine komplexe Wirtschafts- und Währungsunion handelt.

Korrekt:          Es liegen – vereinfacht gesagt – fundamentale Welten zwischen diesen beiden ‚Lehren‘.

Als ‚nichtstudierter‘ Ökonom macht man sich den Unterschied zwischen beiden Lehren am besten an einem Vergleich klar. Nehmen Sie dazu die Medizin. Auch die Medizin hat ‚zwei Lehren‘ wie das Schaubild zeigt:

 

 

Wenn Sie Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen haben, werden Sie sicherlich einen Human-mediziner aufsuchen und nicht zu einem Tierarzt gehen. Instinktiv handeln sie dabei richtig und dass, obwohl beide Fachrichtungen (fast) die gleiche Sprache sprechen. Das heißt, sie benutzen die gleichen Fachausdrücke. So kommen beim Tier genauso das Herz, die Lunge, der Magen und viele andere Organe vor. Die Sprache ist in beiden Lehren die Gleiche – aber es ist das ‚WAS SIE MEINEN‘, was diese BEIDEN LEHREN unterscheidet. Und so ist es auch mit der Betriebswirtschaftslehre und der Volkswirtschaftslehre. Interessant ist, dass Volkswirte – und vor allem solche, die sich für fachkundig in ökonomischen Sachverhalten halten – oftmals selbst sprachliche Ausdrücke verwenden, die keinerlei Bezug zur Realität haben. Nimmt man zum Beispiel das (betriebswirtschaftliche) Wort ‚Kosten‘ und eine Partei/Gruppierung verkündet laut und öffentlich, dass es eine Steuerreform geben soll, die die Bürger entlastet (ein Bezug zur aktuellen Situation vor dem Wahljahr 2013 ist natürlich rein ‚zufällig‘), dann kommt sofort von einer anderen Seite die Frage: „Aber was das kostet?“. Und schon ist die Diskussion beendet. Dabei gibt es diesen Begriff ‚Kosten‘ in der Volkswirtschaftslehre überhaupt nicht. Hier spricht man von Zahlungsflüssen im Sinne von ‚Einnahmen und Ausgaben‘. Den Begriff ‚Kosten‘ kennt nur die Betriebswirtschaftslehre, und zwar aus der Gewinngleichung der Marktwirtschaft.

Diese Gleichung lautet:

G = U – K

Und genau diese drei Größen finden sich in der Gewinn- und Verlust-Rechnung (G. u.V.) eines Unternehmens. Auch die Bilanz des Unternehmens kennt den Begriff ‚Kosten‘ nicht. Da aber dieser Begriff ‚Kosten‘ in der Öffentlichkeit negativ besetzt ist (Kosten muss man vermeiden, es gibt die Un-Kosten (unlogisches Wort), Kosten muss man sparen – und am besten ‚Personalkosten‘), genügt der Worthinweis und schon befindet sich der Zuhörer im HoRmo-sapiens Gehirnteil und kann nicht mehr im weisen ‚Homo-sapiens‘ Hirnteil denken.[1]) Oder es wird als Gegenargument ins Spiel gebracht „aber wie soll das Gegenfinanziert werden“? (am besten gleich noch mit dem Hinweis, dass die öffentlichen Kassen leer sind (s. Kap. 5). Suchen Sie einmal in einem betriebswirtschaftlichen Wörterbuch nach dem Begriff ‚Gegenfinanzierung‘. Sie werden nichts finden, da es diesen Begriff, als Fachausdruck gar nicht gibt. Er ist eine Erfindung von Verwaltungsmitarbeitern, die damit etwas aussagen wollen, das keine Substanz hat.

Und zwei weitere Hinweise, warum es sich bei beiden Fach- und Denkrichtungen umso unterschiedliche Bereiche handelt, ist mit dem Begriff ‚emergente Phänomene‘ umschrieben. Solche Phänomene finden sich nicht bei einzelnen Individuen (oder Atomen,) sondern sie treten nur auf, wenn Gruppen zusammenkommen/entstehen. Dann müssen ‚andere Sichtweise‘ zum Erklären verwendet werden, als dies bei diesen einfachen ‚Wenn ….  dann‘ erfolgt. „Wenn die Wirtschaft schrumpft, dann muss der Staat eingreifen. Wenn Arbeitslosigkeit steigt, dann muss das Kurzarbeitergeld erhöht werden“ usw.

Der nächste gravierende Unterschied ist die menschliche Unzulänglichkeit, exponentielle Prozesse zu begreifen und zu erkennen. Am besten verdeutlicht man sich das an der Metapher „Wachstum einer Seerose“. Wir stehen am 19. Tag vor dem See und begreifen nicht, dass am nächsten Tag alles anders sein wird. Das Phänomen ‚Staatsverschuldung‘ gehört genau in diese Kategorie – auch wenn uns die Alltagspolitiker und –medien glaubhaft machen wollen, Deutschland zähle ‚zu den sicheren Volkswirtschaften‘.

 


[1] Begriff wurde von Frau Vera F. Birkenbihl geprägt und in vielen Veröffentlichungen von Ihr immer wieder Beschrieben. So z.B. „Selbst-Management“ Kassettenkurs, mvg-Verlag, München, 1991.

 

 

 

Präsentation als PDF speichern »

Sie können diese Powerpoint Präsentation herunterladen und sich als Bildschirmpräsentation anzeigen lassen.

Kommentare deaktiviert Kategorie: Allgemein